Der Kranichzug 2026 läuft – aber an Deutschlands bekanntestem Rastplatz fehlt der Großteil der Vögel. Im Rhin- und Havelluch bei Linum standen am 22. September 3.200 Kraniche auf den Zählbögen. Ein Jahr zuvor waren es am 23. September 21.240. Das ist der niedrigste Wert für diesen Zeitpunkt seit mehr als zehn Jahren. Nach dem Vogelgrippe-Sterben des Vorjahres liegt die Ursache diesmal aber nur zum Teil beim Virus.
| Rastgebiet | Zählung Herbst 2026 | Vergleichswert Vorjahr |
| Rhin- und Havelluch bei Linum (Brandenburg) | 3.200 (22. September) | 21.240 (23. September 2025) |
| Ostseebodden (Mecklenburg-Vorpommern) | rund 10.000 (23. September) | kein veröffentlichter Vergleichswert |
| Niederlausitz (Brandenburg) | Zulauf hat begonnen, keine Synchronzahl | – |
| Diepholzer Moorniederung (Niedersachsen) | Zulauf hat begonnen, keine Synchronzahl | – |
| Deutschlandweit geborgene tote Kraniche, Herbst 2025 | – | mindestens 20.000 |
Warum 3.200 Kraniche in Linum ein Alarmwert sind
Die Linumer Teiche im Oberen Rhinluch sind der bekannteste Schlafplatz für durchziehende Kraniche in Deutschland; in Spitzenzeiten stehen dort fünfstellige Zahlen. Der aktuelle Wert liegt rund 85 Prozent unter dem Vorjahresstand zum gleichen Zeitpunkt – es fehlen gut 18.000 Vögel. Erhoben werden die Zahlen bei Synchronzählungen, bei denen alle Schlafplätze einer Region am selben Abend erfasst werden – der aktuelle Stand datiert auf den 22. September.
Kranichschutz Deutschland führt den Einbruch nicht auf eine neue Seuchenwelle zurück. Die Vögel treffen in Linum in diesem Jahr schlicht später ein – warum, ist offen. Geschäftsführer Günter Nowald rechnet für 2026 nicht mit einer Wiederholung des Vorjahres: „Ich gehe davon aus, dass wir in diesem Jahr so eine Katastrophe nicht wieder erleben werden."
Am Bodden stimmen die Zahlen – der Schwerpunkt liegt gerade im Norden
Rund 200 Kilometer nördlich sieht die Lage anders aus: An den Ostseebodden in Mecklenburg-Vorpommern wurden am 23. September etwa 10.000 Kraniche erfasst, laut NABU trafen die Trupps dort „fast minütlich" ein. Der Unterschied hat mit der Herkunft der Vögel zu tun. An der Küste rasten vor allem skandinavische Kraniche, die früh und über eine kurze Strecke einfliegen. Die Vögel im Havelland kommen dagegen überwiegend aus Osteuropa und dem Baltikum – ihr Zug setzt in der Regel später ein.
Für das Gesamtbild heißt das: Eine einzelne niedrige Zahl in Brandenburg belegt noch keinen Bestandseinbruch. Sie zeigt zunächst, dass sich der Zug verschoben hat und dass der östliche Anteil fehlt.
Die trockenen Brutgebiete kosteten mehr Nachwuchs als das Virus
Als Hauptgrund für die schwache Saison benennt Kranichschutz Deutschland nicht H5N1, sondern die Trockenheit in den Brutgebieten. Kraniche brüten in Nässe: Ein Nest, das von flachem Wasser umgeben ist, ist für Bodenraubwild kaum erreichbar. Fällt der Wasserstand, liegen Eier und Küken offen – Fuchs und Waschbär kommen trockenfüßig heran. Nowald zufolge reicht der diesjährige Nachwuchs nicht aus, um den Bestand zu halten, zumal die Verluste des Vorjahres noch nicht ausgeglichen sind.
Wie groß diese Verluste waren, zeigt die eine Zahl, die für den Herbst 2025 gesichert ist: Deutschlandweit wurden mindestens 20.000 tote Kraniche geborgen. Das ist die Zahl der eingesammelten Vögel, nicht die Zahl der gestorbenen – Tiere, die in unzugänglichem Schilf verendeten, sind darin nicht enthalten.
Was eine Synchronzählung leistet – und was nicht
Synchronzählungen erfassen Kraniche am Abend beim Einfallen in die Schlafgewässer. Sie liefern belastbare Momentaufnahmen für ein Rastgebiet und einen Stichtag. Sie sind aber keine Bestandserhebung: Ein niedriger Septemberwert kann Verspätung, veränderte Zugwege oder tatsächliche Verluste bedeuten. Erst die Zählungen zum Zughöhepunkt im Oktober und November trennen diese drei Erklärungen.
Warum Niederwildreviere mit Feuchtflächen jetzt genauer hinsehen
Der Mechanismus, der dem Kranich den Nachwuchs gekostet hat, wirkt im Revier genauso: Trockengefallene Verlandungszonen, Gräben und Kleingewässer öffnen Prädatoren den Zugang zu Bodenbrütern – von Kiebitz und Bekassine bis Stockente und Fasan. Wer im Sommer beobachtet hat, dass Suhlen und Grabenränder passierbar geworden sind, kann daraus für die kommende Fangjagdsaison eine Prioritätenliste ableiten und die Ansitzpunkte dorthin verlegen, wo Raubwildwechsel und Brutflächen zusammenfallen.
Der zweite Punkt betrifft das Monitoring. Tote Wildvögel im Revier sind für die amtliche Geflügelpest-Überwachung eine wichtige Datenquelle – gerade, weil das Friedrich-Loeffler-Institut für September 2026 einen leichten Anstieg der HPAIV-H5-Nachweise bei Geflügel und Wildvögeln erwartet. Wie Fundmeldung, Probenahme und Hygiene ablaufen, steht in unserem Überblick zur Vogelgrippe bei Wildvögeln. Dass Jäger als Datenlieferanten für Wildtiermonitoring zählen, ist kein Sonderfall – bei der Feldhasenzählung läuft die Erfassung nach demselben Prinzip.
Kranich oder Gans? Über der Wiese entscheidet die Silhouette
Für die Wasserwildjagd im Oktober ist ein Punkt wichtig: Der Kranich ist in Deutschland keine jagdbare Art. Er ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt und unterliegt keiner Jagdzeit – auch nicht dort, wo Gänse gerade bejagt werden dürfen. In der Dämmerung über abgeernteten Feldern ist die Verwechslung mit Grau- und Saatgänsen möglich: Kraniche fliegen mit gestrecktem Hals und nachgeschleppten Beinen, Gänse mit kurzem, vorgestrecktem Hals. Wer die Unterscheidung systematisch üben will, findet die Grundlagen in unserer Vogelkunde für Jäger.
Hinzu kommt die Störungswirkung. Rastende Kraniche brauchen die Schlafgewässer ungestört; werden sie nachts aufgeschreckt, steigt der Energieverlust vor dem Weiterzug. Ansitz- und Bergefahrten in unmittelbarer Nähe bekannter Schlafplätze sollten deshalb in den Rastwochen unterbleiben.
Konkret jetzt tun
Tote oder auffällig kranke Wildvögel nicht anfassen und beim Veterinäramt melden.
Bei Wasserwild in der Dämmerung nur ansprechen, was sicher erkannt ist – der Kranich unterliegt bundesweit keiner Jagdzeit.
Bekannte Kranich-Schlafgewässer in den Rastwochen nachts meiden.
Trockengefallene Feuchtflächen im Revier notieren – sie sind die Prioritätenliste für die Raubwildbejagung.
Jagdhunde von Kadavern und Kotansammlungen an Rastflächen fernhalten.
Was bis zum Zughöhepunkt offen bleibt
Ob in Linum tatsächlich Vögel fehlen oder nur später kommen, entscheiden erst die Oktober- und Novemberzählungen. Eine bundesweite Bilanz der Brutsaison 2026 liegt nicht vor, und auch der Anteil der Vorjahresverluste am aktuellen Bild ist nicht quantifiziert. Belegt ist bisher nur: Für die Saison 2026 gibt es keine Hinweise auf neue Vogelgrippe-Ausbrüche in den Rastgebieten – und die Brutbilanz reicht nicht aus, um den Bestand zu stabilisieren.
Arten sicher ansprechen, bevor es darauf ankommt: Die Jagdkompass-App trainiert Vogelarten, Jagd- und Schonzeiten mit Prüfungsfragen aus allen Bundesländern. Mehr aktuelle Meldungen zu Wild und Naturschutz gibt es in unserer Rubrik Wild & Natur.
Quelle
Zahlen und Zitate nach einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vom 26. September 2026, veröffentlicht unter anderem im Tagesspiegel. Rastzahlen und Einordnung zur Brutsaison zusätzlich nach NABU: Aktuelle Infos zum Zug der Kraniche. Risikoeinschätzung zur Geflügelpest nach dem Friedrich-Loeffler-Institut. Bilder: Wikimedia Commons (CC0 / CC BY-SA 4.0) und Jagdkompass-Bildarchiv.