Zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung und 9.000 Euro an die Witwe: So hat das Amtsgericht Ludwigslust den tödlichen Jagdunfall bei Mustin in erster Instanz entschieden. Nach den Feststellungen des Gerichts war das Zielfernrohr des Schützen so hoch eingestellt, dass sein Wärmebildgerät nur noch einen hellen Fleck zeigte. Auf diesen Fleck hat er geschossen.
Was das Urteil nicht sagt
Verurteilt wurde nicht die Wärmebildtechnik, sondern ein Schuss ohne sicheres Ansprechen. An den Regeln für Nachtjagd und Nachtzieltechnik ändert die Entscheidung nichts.
142 Meter zwischen zwei Kanzeln
Am Abend des 2. Januar 2025 saßen zwei befreundete Jäger aus Niedersachsen auf benachbarten Hochsitzen an einem Waldrand nahe Mustin im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Die Sitze standen nach den Feststellungen des Gerichts 142 Meter auseinander, deutlich näher als die rund 200 Meter, von denen vor Prozessbeginn die Rede war. Was der Angeklagte im Wärmebild auf seiner Büchse sah, hielt er für ein Wildschwein. Die Kugel traf seinen 48 Jahre alten Freund am Hals, er verblutete binnen Minuten.
Der Richter hielt dem Schützen nach dem Bericht der Deutschen Presse-Agentur zwei Versäumnisse vor: Er habe nicht geprüft, ob der Fleck tatsächlich ein Stück Wild war. Und er habe sich nicht vergewissert, dass er nicht in Richtung des Hochsitzes schießt, auf dem sein Jagdfreund saß. Genau an diesen beiden Punkten setzt der Sorgfaltsmaßstab an, den wir zum Prozessauftakt in Ludwigslust eingeordnet haben.
Zwei Jahre sind die Grenze dessen, was noch Bewährung sein kann
Fahrlässige Tötung nach § 222 StGB wird mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft. Das Gericht hat sich für eine Freiheitsstrafe entschieden und sie genau an der Obergrenze angesetzt, bis zu der eine Aussetzung überhaupt möglich ist.
| Maßstab | Gesetz | Urteil Mustin |
| Strafrahmen, § 222 StGB | Geldstrafe oder bis 5 Jahre Freiheitsstrafe | 2 Jahre Freiheitsstrafe |
| Regelfall der Bewährung, § 56 Abs. 1 StGB | Freiheitsstrafe bis 1 Jahr | überschritten |
| Bewährung bei besonderen Umständen, § 56 Abs. 2 StGB | Freiheitsstrafe bis 2 Jahre | ausgeschöpft |
| Zahlung | – | 9.000 Euro an die Witwe |
Eine Strafe zwischen einem und zwei Jahren darf nur zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn das Gericht nach einer Gesamtwürdigung von Tat und Persönlichkeit besondere Umstände annimmt. Das Gesetz nennt dabei ausdrücklich das Bemühen, den Schaden wiedergutzumachen. Welche Umstände in Ludwigslust den Ausschlag gaben und ob die 9.000 Euro als Bewährungsauflage festgesetzt wurden, geht aus den veröffentlichten Angaben nicht hervor.
Zum Vergleich: Nach einem Jagdunfall in Barßel, bei dem eine Frau im eigenen Garten von Schrot getroffen wurde, verhängte das Amtsgericht Cloppenburg im August sechs Monate auf Bewährung wegen fahrlässiger Körperverletzung.
Warum mehr Vergrößerung im Wärmebild weniger zeigt
Wer ein Wärmebildgerät mit dem Zielfernrohr kombiniert, setzt es als Vorsatzgerät vor dessen Objektiv. Anders geht es nicht, weil Glas die Wärmestrahlung nicht durchlässt. Das Zielfernrohr betrachtet dann nur noch das Display des Vorsatzgeräts. Dreht der Schütze die Vergrößerung hoch, holt er keine zusätzlichen Details heran. Er vergrößert die Bildpunkte, die der Sensor geliefert hat, und verkleinert zugleich das Sehfeld.
Wie wenig ein Sensor auf diese Entfernung auflöst, zeigt ein Rechenbeispiel mit den Herstellerdaten eines verbreiteten Vorsatzgeräts, des Pulsar Krypton 2. Welches Gerät der Schütze bei Mustin nutzte, ist nicht bekannt.
| Auf 142 Meter | Sensor 384 × 288 Pixel (Sehfeld 18,7 m auf 100 m) | Sensor 640 × 480 Pixel (Sehfeld 15,4 m auf 100 m) |
| Bildbreite | 26,6 m | 21,9 m |
| Ein Sensorpixel deckt ab | rund 7 cm | rund 3,4 cm |
| Objekt von 50 cm Breite | rund 7 Pixel | rund 15 Pixel |
Sieben oder fünfzehn Bildpunkte in der Breite reichen, um zu sehen, dass dort etwas Warmes ist. Sie reichen nicht, um Rüssel, Haupt und Läufe zu erkennen. Eine hohe Zielfernrohr-Vergrößerung macht aus sieben Pixeln keine siebzig, sie zeigt dieselben sieben als grobe Kacheln. Gleichzeitig fällt aus dem Bild, was neben dem Fleck liegt: ein Leiterholm, die Kanzel, der Waldrand. Für das Krypton 2 nennt der Hersteller deshalb eine empfohlene Zielfernrohr-Vergrößerung von 2- bis 6-fach.
Auch die Reichweitenangaben in Datenblättern verleiten zur Fehleinschätzung. Der Hersteller gibt für ein 1,7 Meter hohes Tier einen Entdeckungsbereich von 1.300 beziehungsweise 2.300 Metern an. Entdecken heißt dort: Ein warmer Punkt taucht auf. Wer ein Stück jagdlich ansprechen will, braucht ein Vielfaches an Bildinformation.
Was das Urteil für Jagdschein und Waffenbesitzkarte auslöst
Für den Verurteilten folgt die schwerere Konsequenz erst mit der Rechtskraft. Nach § 5 Abs. 2 Nr. 1 Buchstabe b WaffG besitzt in der Regel nicht die erforderliche Zuverlässigkeit, wer wegen einer fahrlässigen Straftat im Zusammenhang mit dem Umgang mit Waffen zu einer Freiheitsstrafe rechtskräftig verurteilt worden ist. Das gilt, solange seit der Rechtskraft keine fünf Jahre vergangen sind. Abweichen kann die Behörde davon nur, wenn besondere Umstände des Einzelfalls dafür sprechen.
Die Waffenbesitzkarte ist dann nach § 45 Abs. 2 WaffG zu widerrufen. Den Jagdschein muss die Behörde nach § 18 BJagdG für ungültig erklären und einziehen; ohne Zuverlässigkeit darf nach § 17 Abs. 1 BJagdG nur noch ein Falknerjagdschein erteilt werden. Ob die zuständigen Behörden bereits tätig geworden sind, ist nicht bekannt.
Für alle anderen Jäger ändert das Urteil keine Rechtslage. Wärmebild- und Nachtzieltechnik bleiben im bisherigen Rahmen zulässig; welche Grenzen dabei gelten, steht in unserer Übersicht, ob Jäger nachts schießen dürfen. Das Urteil zeigt aber, woran ein Gericht den einzelnen Schuss misst.
Vor dem nächsten Ansitz mit Wärmebild-Vorsatz
Die vom Hersteller empfohlene Zielfernrohr-Vergrößerung für das Vorsatzgerät nachschlagen und vor dem Ansitz einstellen, nicht erst im Anschlag.
Suchen und Beobachten mit Wärmebild-Handkamera oder Fernglas, nicht durch das Zielfernrohr.
Erst schießen, wenn Körperform, Haupt und Läufe eindeutig erkennbar sind. Ein Fleck ohne Kontur ist kein Ziel.
Vor dem Schuss das Umfeld prüfen: Steht neben oder hinter dem Stück eine Kanzel, ein Weg, ein Waldrand?
Den besetzten Nachbarsitz im Hellen einmal mit der Handkamera ansehen. Dann weiß man, wie ein Mensch auf dieser Distanz im Wärmebild erscheint.
Was nach dem Urteil offen bleibt
Gegen das Urteil des Amtsgerichts ist Berufung möglich, einzulegen binnen einer Woche nach Verkündung (§ 314 StPO). Ob Staatsanwaltschaft oder Verteidigung davon Gebrauch machen, war zum Stand dieses Beitrags am 1. Oktober 2026 nicht bekannt. Ebenfalls nicht veröffentlicht sind die Anträge beider Seiten, das genaue Gerätemodell und die eingestellte Vergrößerung. Schriftliche Urteilsgründe liegen nicht vor. Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung.
Für die Jägerprüfung gehört der Fall zum Pflichtstoff: sicheres Ansprechen, Kugelfang und die Frage, wann ein Schuss nicht fallen darf. Weitere Verfahren und Entscheidungen sammeln wir in der Rubrik Recht.
Sicher ansprechen und Schusssicherheit auf dem Ansitz: In der kostenlosen Jagdkompass-App lernst du diese Themen mit den Originalfragen aller Bundesländer – zur Jagdschein-App.
Quelle
Angaben zum Urteil und zum Unfallhergang nach einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur vom 29. September 2026, veröffentlicht in der Rhein-Zeitung: Jagdfreund statt Wildschwein erschossen – Bewährungsstrafe. Gesetzestexte: § 222 StGB, § 56 StGB, § 5 WaffG, § 45 WaffG, § 17 BJagdG, § 18 BJagdG, § 314 StPO. Gerätedaten für das Rechenbeispiel: Betriebsanleitung Pulsar Krypton 2 FXQ35/FXG50. Stand: 1. Oktober 2026.