Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hat Anfang August 2026 ein bislang unbekanntes Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe – ein „Shamonda-ähnliches" Virus – bei Rindern in Süddeutschland nachgewiesen. Übertragen wird es von Gnitzen, denselben winzigen Mücken, die auch Blauzunge und Schmallenberg-Virus verbreiten. Für Jäger heißt das: Ein neuer Erreger, der Wiederkäuer befällt, ist im Revier angekommen.
Kurz eingeordnet
Das Virus gilt nach bisherigem Kenntnisstand nicht als Gefahr für den Menschen. Betroffen sind Wiederkäuer – und damit potenziell auch das heimische Schalenwild. Belastbare Daten zur Ausbreitung liegen noch nicht vor.
Was ist passiert?
Nach Angaben des FLI wurde in Proben erkrankter Rinder aus Süddeutschland, besonders aus Baden-Württemberg, ein neues Virus der Simbu-Serogruppe gefunden. Erste Beobachtungen gab es demnach im Juli 2026; auch aus der Schweiz und aus Frankreich liegen Meldungen vor.
Genetisch ist der Erreger am engsten mit dem Shamonda-Virus verwandt: Laut FLI stimmen die Genomabschnitte auf Aminosäureebene zu 99 % (S-Segment), 97 % (L-Segment) und 95 % (M-Segment) überein. S- und L-Segment sind zudem eng mit dem Schmallenberg-Virus verwandt; das für Antigenität und Immunantwort wichtige M-Segment stimmt damit aber zu weniger als 50 % überein – der Erreger ist also tatsächlich neu.
Eine Pan-Simbu-PCR schlug in mehreren Serum- und Blutproben aus vier betroffenen Rinderbeständen an, teils mit Ct-Werten um 20 – ein Hinweis auf hohe Virusmengen. Die Charakterisierung gelang dem FLI nach eigenen Angaben innerhalb von 48 Stunden. Untersuchungen auf das Schmallenberg-Virus verliefen negativ, obwohl die ersten Krankheitszeichen zunächst dazu gepasst hätten.
„Nach 2011 ist erneut ein exotisches Orthobunyavirus nach Zentraleuropa eingeschleppt worden. Die Untersuchungen der kommenden Wochen werden zeigen, wie rasch es sich ausbreitet, welche Tierarten besonders betroffen sind und mit welchen klinischen Folgen zu rechnen ist. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die Frage, ob Infektionen während der Trächtigkeit zu fetalen Schädigungen führen."
— Prof. Dr. Martin Beer, Vizepräsident des Friedrich-Loeffler-Instituts
Symptome und Übertragung im Überblick
| Aspekt | Was das FLI berichtet |
| Betroffene Tiere | Rinder (Schwerpunkt); Schafe und Ziegen für diese Virengruppe anfällig |
| Symptome bei Rindern | Fieber, Durchfall, teils deutlicher Rückgang der Milchleistung |
| Überträger | Blutsaugende Gnitzen der Gattung Culicoides |
| Aktive Saison | Höchste Gnitzenaktivität Juli bis Oktober, bis etwa Ende November |
| Reproduktion | Übertragung auf den Fetus möglich – je nach Zeitpunkt Aborte, Totgeburten, Fehlbildungen |
| Gefahr für Menschen | Nach bisherigem Stand kein relevantes Infektionsrisiko |
Was bedeutet das für Jäger?
Auf den ersten Blick ist das eine Meldung aus der Nutztierhaltung. Doch die Simbu-Serogruppe befällt Wiederkäuer allgemein – und dazu zählt unser Schalenwild vom Reh über Rot- und Damwild bis zum Muffelwild. Beim eng verwandten Schmallenberg-Virus wurden nach 2011 auch Wildwiederkäuer positiv getestet. Ob und wie stark das neue Virus Wildbestände erreicht, ist noch offen – genau deshalb sind Jäger als Augen und Ohren im Revier jetzt gefragt.
Der entscheidende Punkt aus Beers Statement betrifft die Trächtigkeit: Infektionen des Muttertiers können den Fetus schädigen. Bei Schmallenberg waren in einzelnen Schafherden bis zu 50 % der Nachkommen betroffen, bei Rindern deutlich weniger. Übertragen aufs Revier hieße das: missgebildete oder tot geborene Kitze und Kälber im kommenden Frühjahr könnten ein Warnsignal sein.
Konkret im Revier
Auffälligkeiten dokumentieren: verendete, abgemagerte oder sichtbar kranke Stücke und – im Setzzeitraum – missgebildete oder tot aufgefundene Kitze der Unteren Jagd-/Veterinärbehörde melden.
Gnitzenzeit mitdenken: Die Vektoren sind bis in den späten Herbst aktiv; ein plötzliches Krankheitsgeschehen im Bestand passt zeitlich zur Saison.
Wildbrethygiene ernst nehmen: Bei Fieberzeichen, auffälligen inneren Organen oder schlechtem Allgemeinzustand gilt die übliche Regel – im Zweifel verwerfen und Sachverstand hinzuziehen.
Ruhe bewahren: Für den Menschen besteht nach jetzigem Stand kein Infektionsrisiko; Panik ist unangebracht, Aufmerksamkeit angebracht.
Hintergrund: die Simbu-Serogruppe
Woher kommt das Virus?
Viren der Simbu-Serogruppe sind vor allem in Afrika, Asien und Australien verbreitet. Ihr Übertragungsweg über Gnitzen ähnelt dem der Blauzungenkrankheit. Der neue Fund ist die erste Einschleppung eines solchen Virus nach Deutschland seit dem Schmallenberg-Virus 2011.
Warum die Schmallenberg-Parallele?
S- und L-Segment des neuen Erregers sind eng mit Schmallenberg verwandt, das M-Segment aber deutlich verschieden. Das erklärt, warum die Symptome anfangs an Schmallenberg erinnerten, der klassische Schmallenberg-Test aber negativ blieb.
Das FLI arbeitet nach eigenen Angaben mit hoher Priorität an der vollständigen Charakterisierung, der epidemiologischen Nachverfolgung und an angepassten Diagnoseverfahren. Eine Impfstoffentwicklung sei grundsätzlich möglich, brauche aber Vorlauf – ob sie nötig wird, hänge von der klinischen und reproduktionsmedizinischen Bedeutung ab.
Häufige Fragen
Ist das Virus für Menschen gefährlich?
Nach bisherigem Kenntnisstand nein. Viren der Simbu-Serogruppe gelten in der Regel nicht als Zoonoseerreger. Bei neuen, noch unzureichend charakterisierten Viren prüft das FLI ein zoonotisches Potenzial aber vorsorglich mit.
Kann sich Schalenwild anstecken?
Grundsätzlich ist Schalenwild als Wiederkäuer für Viren dieser Gruppe empfänglich. Ob sich der Erreger in freien Wildbeständen etabliert, ist derzeit nicht belegt und Gegenstand der laufenden FLI-Untersuchungen.
Was soll ich als Jäger jetzt tun?
Nichts überstürzen, aber genau hinschauen: auffällig kranke oder verendete Stücke sowie im Frühjahr missgebildete Kitze der zuständigen Behörde melden und die Wildbrethygiene konsequent einhalten.
Bleib beim Thema Wildkrankheiten auf dem Laufenden: Weitere Meldungen findest du in unseren Nachrichten, etwa zur Blauzungenkrankheit beim Schalenwild und zur Tuberkulose bei Rotwild. Wer die Grundlagen von der Ansprache bis zur Bewertung am Stück sicher können will, findet sie in der Jagdschein-Vorbereitung mit Jagdkompass.
Quelle
Friedrich-Loeffler-Institut (FLI): „FLI weist neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe (‚Shamonda-like') bei Rindern in Deutschland nach", Pressemitteilung vom 03.08.2026. Zur Originalmeldung