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Nur noch 39 Nandus am Schaalsee: Steht die Jagd auf die Riesenvögel vor dem Aus?

Die Frühjahrszählung 2026 im Biosphärenreservat Schaalsee zählt nur noch 39 Nandus. Jetzt prüft das Umweltministerium MV, ob die Bejagung ausgesetzt wird.

LMLorena de Marco24. Juli 2026Nandu, Neozoen, Mecklenburg-Vorpommern
Nur noch 39 Nandus am Schaalsee: Steht die Jagd auf die Riesenvögel vor dem Aus?

Sie werden bis zu 1,40 Meter groß, rennen 60 km/h schnell über die Äcker und stammen eigentlich aus der südamerikanischen Pampa: Die freilebenden Nandus in Mecklenburg-Vorpommern sind eine der kuriosesten Wildarten Deutschlands. Doch die einst größte Population ihrer Art in Europa schrumpft dramatisch. Bei der Frühjahrszählung 2026 im Biosphärenreservat Schaalsee wurden nur noch 39 Tiere gezählt – jetzt prüft die oberste Jagdbehörde des Landes, ob die Jagd auf die Riesenvögel ausgesetzt wird.

Der Nandu ist ein Musterfall für ein Prüfungsthema, das viele unterschätzen: den Unterschied zwischen Neozoen, invasiven Arten und dem, was tatsächlich im jeweiligen Landesjagdrecht steht. Wer in Mecklenburg-Vorpommern zur Prüfung antritt, sollte diese Art kennen.

Was ist passiert?

Zweimal im Jahr – im Frühjahr und im Herbst – zählen Mitarbeitende des Biosphärenreservatsamtes Schaalsee-Elbe gemeinsam mit Landwirten und der Arbeitsgruppe Nandu-Monitoring die freilebenden Laufvögel im Grenzgebiet zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Das Ergebnis der jüngsten Frühjahrszählung fällt so niedrig aus wie nie: nur noch 39 Nandus, davon 9 Hähne, 18 Hennen, 10 mehrjährige und 2 nicht näher bestimmbare Tiere. 36 hielten sich auf der mecklenburgischen Seite auf, nur 3 in Schleswig-Holstein. Das sind rund 30 Tiere weniger als im Vorjahr.

Zum Vergleich: 2018 hatte die Population mit 566 gezählten Vögeln ihren Höchststand erreicht. Seit der Aufnahme in das Jagdrecht 2020 geht der Bestand kontinuierlich zurück. Fachleute sehen die Bejagung als Hauptgrund – die Tiere sind durch das Jagdgeschehen zudem deutlich scheuer geworden, was auch die Zählungen erschwert.

Nandu auf einem Feld in Mecklenburg
Ein freilebender Nandu in Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Gregor Rom / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Entscheidend ist jetzt die Frage nach einer Schonzeit: Die aktuellen Zahlen wurden an das Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt (LM) übermittelt, das in Mecklenburg-Vorpommern zugleich oberste Jagdbehörde ist. Dort wird geprüft, ob eine Bejagung der kleinen Restpopulation überhaupt noch sinnvoll ist – oder ob die Tiere künftig wieder stärker geschützt werden sollten. Nach Einschätzung von Fachleuten sollte der mehrjährige Bestand nicht unter rund 35 Tiere fallen, um die Population nicht zu gefährden.

Vom Ausbrecher zur größten Population Europas

Die Geschichte der deutschen Nandus beginnt mit einer Handvoll Ausbrecher. Um die Jahrtausendwende entkamen mehrere der straußenähnlichen Vögel aus einem Gehege bei Groß Grönau in Schleswig-Holstein – die Rede ist von drei Hähnen und vier Hennen – und wanderten in den Nordbereich des UNESCO-Biosphärenreservats Schaalsee. In der offenen, weitläufigen Ackerlandschaft Nordwestmecklenburgs fanden sie ideale Bedingungen vor: keine natürlichen Feinde, viel Nahrung und eine Landschaft, die der baumfreien Pampa ihrer Heimat ähnelt.

Die Tiere vermehrten sich rasant und wurden für Touristen zum beliebten Fotomotiv – für Landwirte dagegen zur Plage. Nandus fielen bevorzugt über Raps- und Getreidefelder her, besonders über Neuansaaten. Pro Feld entstanden Sachschäden von bis zu 5.000 Euro. Als erste Gegenmaßnahme durften Ranger und Landwirte mit Genehmigung des Biosphärenreservatsamtes zunächst nur die Gelege manipulieren: Mit dem Akkuschrauber wurden Löcher in die Eier gebohrt, damit sich kein Nachwuchs entwickelt. Der Erfolg blieb aus – die gut versteckten Nester waren kaum zu finden.

Seit 2020 im Jagdrecht – die Zahlen im Überblick

Weil die Schäden weiter stiegen, nahm Mecklenburg-Vorpommern den Nandu im April 2020 ins Jagdrecht auf. Seitdem ist die Population Jahr für Jahr geschrumpft:

ZählungBestand
2018 (Höchststand)566 Nandus
Herbst 2019465 Nandus
Herbst 2020291 Nandus
November 2021121 Nandus
Herbst 2022144 Nandus
Frühjahr 202639 Nandus

In den Jagdjahren zeigt sich derselbe Trend: Wurden 2020/2021 noch 181 Nandus erlegt, waren es 2021/2022 nur noch 79. Erlegt werden die Tiere vor allem von Landwirten mit Jagdschein; ob das Wildbret verwertet oder entsorgt wird, ist ihnen freigestellt.

Was bedeutet das für Jäger?

Der Nandu ist ein Paradebeispiel dafür, dass Jagd- und Schonzeiten Ländersache sind. Nur in Mecklenburg-Vorpommern unterliegt der Vogel überhaupt dem Jagdrecht – anderswo ist er keine jagdbare Art. Wer die Art bejagen darf und will, muss die landesspezifischen Regeln genau kennen.

Konkret für die Praxis

  • Jagdzeiten kennen: In MV haben Küken und Jährlinge eine ganzjährige Jagdzeit; für Hähne und Hennen ab zwei Jahren gilt eine Jagdzeit vom 1. November bis 31. März.

  • Auf die Ministeriumsentscheidung achten: Angesichts des Tiefstands kann eine Schonzeit kommen. Keine Alleingänge – die aktuelle Rechtslage vor jedem Ansitz prüfen.

  • Verkehrsgefahr im Blick behalten: Nandus können plötzlich aus der Deckung auf die Straße rennen. Ein Zusammenstoß mit einem 25-Kilo-Vogel kann teuer werden.

  • Prüfungswissen auffrischen: Neozoen, invasive Arten und der Schutzstatus sind beliebte Prüfungsfragen.

Ein oft übersehenes Detail betrifft die Versicherung: Anders als bei Reh oder Wildschwein deckt die Teilkasko einen Zusammenstoß mit einem Nandu in der Regel nicht ab – Laufvögel zählen nicht zum Haarwild. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft empfiehlt hier einen Schutz vor Schäden durch Zusammenstöße mit „Tieren aller Art".

Nahaufnahme eines Nandu-Kopfes
Der Große Nandu (Rhea americana) ist ein flugunfähiger Laufvogel und mit dem Strauß verwandt. Foto: Jebulon / Wikimedia Commons (CC0)

Hintergrund: Neozoon, aber (noch) nicht invasiv

Für die Prüfung lohnt die genaue Einordnung. Der Nandu ist ein Neozoon – so heißen Arten, die nach dem Jahr 1492 durch den Menschen nach Deutschland gelangt sind. Man geht hierzulande von mehr als 1.000 Neozoen-Arten aus, darunter bekannte jagdliche Größen wie Damwild, Waschbär, Mink, Nutria oder Fasan.

Neozoon ≠ invasiv

Nach Einschätzung des Bundesamtes für Naturschutz gilt der Nandu derzeit nicht als invasiv, weil negative Auswirkungen auf heimische Arten bislang nicht nachgewiesen sind. Er steht auf einer „Grauen Liste" – die Art ist besonders intensiv zu beobachten.

Doppelter Rechtsstatus

Als südamerikanische Art ist der Nandu über das Washingtoner Artenschutzübereinkommen und das Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt – und unterliegt in MV zugleich dem Jagdrecht. Ein Spannungsfeld, das die aktuelle Schonzeit-Debatte prägt.

Der Konflikt zeigt exemplarisch, wie eng Bestandsregulierung, Naturschutz und Wildschadensrecht zusammenhängen – ein Thema, das auch bei anderen Neozoen wie den invasiven Arten Nutria und Waschbär immer wieder aufkommt.

Landschaft im UNESCO-Biosphärenreservat Schaalsee bei Zarrentin
Das UNESCO-Biosphärenreservat Schaalsee bei Zarrentin (Mecklenburg-Vorpommern) – Kerngebiet der deutschen Nandu-Population. Foto: Holger der Fotofreund / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Häufige Fragen

Sind Nandus in ganz Deutschland jagdbar?

Nein. Nur Mecklenburg-Vorpommern hat den Nandu 2020 ins Jagdrecht aufgenommen. In anderen Bundesländern zählt er nicht zu den jagdbaren Arten. Das macht ihn zu einem guten Beispiel dafür, dass Jagd- und Schonzeiten von Land zu Land verschieden geregelt sind.

Warum wird über eine Schonzeit diskutiert?

Weil die Population auf nur noch 39 Tiere gesunken ist. Das Umweltministerium MV prüft, ob eine weitere Bejagung die kleine Restpopulation gefährden würde und ob die Art stattdessen wieder stärker geschützt werden sollte.

Ist der Nandu eine invasive Art?

Bislang nicht. Das Bundesamt für Naturschutz führt ihn auf einer „Grauen Liste", weil schädliche Auswirkungen auf heimische Arten nicht nachgewiesen sind. Er ist ein Neozoon, das intensiv beobachtet wird.

Prüfungswissen wie Neozoen, Jagd- und Schonzeiten sicher drauf? Mit der Jagdkompass-App übst du landesspezifische Prüfungsfragen genau so, wie sie drankommen. Weitere aktuelle Meldungen findest du in unserer Kategorie Nachrichten – etwa zur Rückkehr des Braunbären an die deutsche Grenze oder zum ersten Wolfsabschuss 2026. Wer Vögel im Feld sicher ansprechen will, findet Hilfe bei der Bestimmung heimischer Greifvögel.

Quelle

Bestandszahlen und Monitoring: Biosphärenreservatsamt Schaalsee-Elbe sowie Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern. Weitere Fakten zur Bestandsentwicklung, zum Schutzstatus und zur Aufnahme ins Jagdrecht: nd (neues deutschland), „Nandu-Bestand reduziert sich" sowie top agrar, „Nandu-Population in Mecklenburg-Vorpommern".

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