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Fischsterben in der Kieler Förde: Dorsch bleibt gesperrt, Meerforelle und Lachs ab 1. Oktober

Tausende Fische sind in der Kieler Förde und der Lübecker Bucht erstickt, die Wasserschutzpolizei prüft Fischwilderei. Was an der schleswig-holsteinischen Küste wirklich entnommen werden darf.

LMLorena de Marco25. September 2026Fischsterben, Ostsee, Kieler Förde
Fischsterben in der Kieler Förde: Dorsch bleibt gesperrt, Meerforelle und Lachs ab 1. Oktober

Tausende erstickte Fische, ein abgesperrtes Ufer an der Hörn und Videos von Menschen, die nach sterbenden Tieren greifen: Das Fischsterben in der Kieler Förde sah am Wochenende nach Überfluss aus. An der Rechtslage ändert es nichts. Für Dorsch gilt in der westlichen Ostsee weiter ein Fangverbot, für Meerforelle und Lachs beginnt die Schonzeit am 1. Oktober.

Ablandiger Wind zieht den Sauerstoff aus dem flachen Wasser

In der Kieler Förde und der Lübecker Bucht verendeten am Wochenende des 20. September tausende Fische. Die Wasserschutzpolizei bestätigte das Ausmaß, der Kommunale Ordnungsdienst riegelte das Ufer an der Hörn ab. Auslöser war nach Angaben des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel ein Windeffekt: Ablandiger Wind drückte sauerstoffreiches Oberflächenwasser aufs offene Meer, aus der Tiefe strömte sauerstoffarmes Wasser nach. Fachleute sprechen von Upwelling – dem Auftrieb tiefer Wasserschichten an die Oberfläche.

Christopher Zimmermann, Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock, ordnete das Ereignis gegenüber der taz als Spitze des Eisbergs ein. Der Sauerstoffmangel in den tieferen Bereichen der westlichen Ostsee bestehe über die gesamten Sommermonate hinweg; sichtbar werde er erst im Herbst, wenn die passende Windlage ihn ans Ufer spült. Ein vergleichbares Ereignis gab es im September 2025 vor Warnemünde, 2020 ebenfalls. Nach ein bis zwei Tagen dreht der Wind in der Regel und der Vorgang ist vorbei – so auch diesmal.

Flacher Sandstrand an der Lübecker Bucht bei Scharbeutz
Auch die Lübecker Bucht war betroffen – hier der Strand bei Scharbeutz. In flachen, windabgewandten Buchten steht das sauerstoffarme Tiefenwasser besonders dicht unter Land. Foto: qwesy qwesy / Wikimedia Commons, CC BY 3.0

Was an Land gespült wird, ist der kleinere Teil

Nicht alle sterbenden Organismen erreichen den Strand: Garnelen, Muscheln, Seeigel und Seesterne bleiben unsichtbar am Grund. Gravierenden Sauerstoffmangel in den tieferen Bereichen der westlichen Ostsee gibt es nach Einschätzung des Thünen-Instituts seit etwa sechs bis sieben Jahren, im östlichen Teil deutlich länger. Frisches Wasser kommt nur mit kräftigem Einstrom aus der Nordsee – und der braucht einen Herbststurm aus Nordwest, der bislang ausgeblieben ist. Der dänische Vejle Fjord gilt bereits als biologisch tot.

Problematisch ist weniger das einzelne Ereignis als seine Wiederkehr: Wo Jungfische sterben, bevor sie sich fortpflanzen, erholt sich kein Bestand. Wie häufig solche Sauerstoffkrisen in deutschen Ostseegewässern auftreten, ist allerdings nicht belastbar erfasst – eine Auswertung von vier Jahrzehnten Berichterstattung liegt bislang unveröffentlicht vor.

Warum die Bergung sterbender Fische ein Strafverfahren auslösen kann

Aus den Videos, die seit dem Wochenende in sozialen Netzwerken kursieren, ergibt sich der zweite Teil des Falls: Menschen ziehen Fische aus dem flachen Wasser, töten sie teils und packen sie ein. Die Wasserschutzpolizei prüft, ob das Fischwilderei war. Konkrete Erkenntnisse lagen ihr nach eigenen Angaben zunächst nicht vor; für die Gefilmten gilt die Unschuldsvermutung.

Rechtlich ist der Ausgangspunkt eindeutig: Fischwilderei nach § 293 StGB setzt kein Angelgerät voraus. Wer sich Fische zueignet, ohne zur Fischerei berechtigt zu sein, erfüllt den Tatbestand auch dann, wenn er die Tiere mit der Hand aus dem Uferwasser hebt. Der Notzustand der Fische macht sie nicht herrenlos. In Schleswig-Holstein braucht die Freizeitfischerei immer einen gültigen Fischereischein; die Fischereiabgabe ist auch dann fällig, wenn sie in einem anderen Bundesland bereits gezahlt wurde.

Auf den Aufnahmen waren große Lachse, Dorsche und Meerforellen zu erkennen. Gerade bei diesen drei Arten greift die schärfste Regel.

Dorsch, Meerforelle, Lachs: der Stand an der schleswig-holsteinischen Küste

ArtMindestmaß KüstengewässerStatus
Dorsch38 cm (Ostsee)Freizeitfischerei in der westlichen Ostsee 2026 verboten
Meerforelle40 cmSchonzeit 1. Oktober bis 31. Dezember; silbrige Fische mit losen Schuppen ausgenommen
Lachs60 cmSchonzeit 1. Oktober bis 31. Dezember; silbrige Fische mit losen Schuppen ausgenommen
Aal45 cmEU-Fangverbot in Meeres- und angrenzenden Brackgewässern
HeringMindestmaß Ostsee derzeit aufgehobenkeine Schonzeit

Die Werte stammen aus der Küstenfischereiordnung des Landes und der Übersicht des Landesangelverbands Schleswig-Holstein. Das Dorschverbot ist keine Schonzeit, sondern folgt aus den EU-Fangmengen: Der Rat setzte für 2026 erneut nur eine Beifangquote fest, weil der Bestand der westlichen Ostsee seit Jahren am Boden liegt.

Dorsch (Gadus morhua) in der Seitenansicht
Dorsch (Gadus morhua): Für die Freizeitfischerei in der westlichen Ostsee gilt 2026 ein Fangverbot – unabhängig von Größe und Jahreszeit. Foto: Magnus Manske / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Bei Meerforelle und Lachs steht der Stichtag dagegen unmittelbar bevor. Bis zum 30. September gelten allein die Mindestmaße; ab dem 1. Oktober sind beide Arten in den Küstengewässern geschont. Ausgenommen bleiben blanke Fische mit losen Schuppen – gefärbte Laichfische sind es nicht. Wer einen gefärbten Fisch mitnimmt, verstößt gegen die Küstenfischereiordnung.

Gefangene Meerforelle (Salmo trutta trutta) auf einer Unterlage
Meerforelle (Salmo trutta trutta), Mindestmaß 40 cm: Ab 1. Oktober zählt an der Küste nicht mehr nur die Länge, sondern das Kleid – gefärbte Laichfische sind geschont. Foto: Anne Blindheim / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Wenn Fische im Flachwasser nach Luft schnappen

  • Keine Fische entnehmen, auch keine sichtbar sterbenden – ohne Berechtigung ist das Fischwilderei.

  • Größere Mengen toter Fische der örtlichen Ordnungsbehörde oder der Wasserschutzpolizei melden; in Kiel und Lübeck laufen die Meldungen über die kommunalen Ordnungsdienste.

  • Angelstellen für ein bis zwei Tage wechseln: Sauerstoffarmes Wasser steht kleinräumig, die Fische ziehen ab oder stehen unter Stress.

  • Gefangene Fische in dieser Lage schonend zurücksetzen – sie sind bereits am Limit.

  • Vor jedem Küstenansitz Fischereischein und Fischereiabgabemarke prüfen; für Schlei und Lübecker Gewässer ist zusätzlich ein Erlaubnisschein nötig.

Woran sich in den nächsten Wochen entscheidet, ob es dabei bleibt

Ob aus der Prüfung der Wasserschutzpolizei Verfahren werden, ist offen; die Behörde hat sich zu Beschuldigten bislang nicht geäußert. Offen ist auch, ob der Herbst die Lage entspannt: Ein kräftiger Nordweststurm würde sauerstoffreiches Nordseewasser in die westliche Ostsee drücken. Bleibt er aus, bleibt die Sprungschicht bestehen – und mit ihr die Möglichkeit eines weiteren Upwelling-Ereignisses.

Der Umweltverband BUND Schleswig-Holstein sieht in dem Fischsterben ein Warnsignal für die sauerstoffarmen Zonen der Ostsee und fordert zehn Meter breite Gewässerrandstreifen ohne Düngung und Pflanzenschutz, um den Nährstoffeintrag aus der Landwirtschaft zu senken.

Häufige Fragen zum Fischsterben in der Kieler Förde

Sind die erstickten Fische noch verwertbar?

Für Angler stellt sich die Frage praktisch nicht, weil die Entnahme ohne Berechtigung ohnehin ausscheidet. Fachlich gilt: Fische, die unter Sauerstoffmangel verendet sind, gelten lebensmittelrechtlich nicht als frisch gefangen; Todeszeitpunkt und Kühlkette sind unbekannt.

Muss ich ein Fischsterben melden, wenn ich es entdecke?

Eine allgemeine Meldepflicht für Privatpersonen gibt es nicht. Die Ordnungsbehörden und die Wasserschutzpolizei sind aber auf Hinweise angewiesen, weil sie Ausmaß und Ursache sonst erst verzögert erfassen.

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Quelle

Ereignis, Upwelling-Erklärung und Einordnung: taz vom 22. September 2026, „Fischsterben in der Ostsee: Nur die Spitze des Eisbergs", mit Angaben des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und des Thünen-Instituts für Ostseefischerei.

Rechtsstand Dorsch: Landesregierung Schleswig-Holstein, „Freizeitfischerei auf Dorsch in der westlichen Ostsee auch im Jahr 2026 verboten" · EU-Fangmengen: Rat der EU, Fangmengen Ostsee 2026.

Mindestmaße und Schonzeiten: Übersicht des Landesangelverbands Schleswig-Holstein e. V. (PDF).

Vergleichsfall 2025: Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde, Fischsterben bei Rostock · Hintergrund Erwärmung: GEOMAR.

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