Jagdkompass
NachrichtenAngeln und Fischerei

Kormoran-Studie 2026: Hoher Fraßdruck auf Jungdorsch und Flunder

Eine neue Ostsee-Studie misst hohe Kormoranverluste bei markierten Jungdorschen und Flundern. Was die Zahlen belegen – und was für Angler noch offenbleibt.

LMLorena de Marco21. August 2026Kormoran, Ostsee, Dorsch
Kormoran-Studie 2026: Hoher Fraßdruck auf Jungdorsch und Flunder

Eine neue Kormoran-Studie 2026 liefert ungewöhnlich konkrete Zahlen aus der westlichen Ostsee: In einem offenen Küstengebiet fraßen Kormorane je nach Größenklasse rechnerisch 52 bis 88 Prozent der markierten Jungdorsche und 14 bis 84 Prozent der Flundern. Für Angler ist das ein starkes Signal – aber noch kein Beweis, dass Kormorane allein den gesamten Westdorschbestand ausbremsen.

Die 88 Prozent richtig einordnen

Der Höchstwert gilt für eine besonders anfällige Größenklasse im untersuchten Küstengebiet. Er beschreibt weder alle Dorsche der westlichen Ostsee noch den Anteil am gesamten Bestand.

Was ist passiert?

Für die im August 2026 in Fisheries Research erschienene Studie markierten Forschende in den Jahren 2022 und 2024 insgesamt 2.783 Dorsche von 11 bis 38 Zentimetern Länge und 2.644 Flundern von 12 bis 30 Zentimetern. Die Fische erhielten kleine passive Transponder, sogenannte PIT-Tags, und wurden in einem offenen Küstengebiet der westlichen Ostsee wieder freigelassen.

Anschließend suchte das Team die Markierungen an Kormorankolonien und Schlafplätzen. Da nicht jeder verschluckte Transponder später gefunden wird, korrigierten die Forschenden die Fundzahlen mithilfe zweier Fütterungsversuche. Zwischen Markierung und Abzug der Vögel aus den Kolonien lagen je nach Durchgang zwei bis sieben Monate.

Luftbild der Lübecker Bucht an der westlichen Ostsee
Die Lübecker Bucht gehört zur westlichen Ostsee, dem regionalen Kontext der Untersuchung. Das Foto zeigt die Bucht aus der Luft. Foto: Andrzej Otrębski / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Was die Zahlen wirklich zeigen

Die berechnete Prädation hing deutlich von Art und Körpergröße ab. Beim Dorsch lagen die Mittelwerte der Größenklassen zwischen 52 und 88 Prozent. Bei der Flunder reichte die Spanne von 14 bis 84 Prozent; hier war die Größenselektion besonders ausgeprägt.

ErgebnisEinordnung
Dorsch: 52–88 ProzentSpanne zwischen den untersuchten Größenklassen, nicht Anteil am Gesamtbestand
Flunder: 14–84 Prozentbesonders starke Abhängigkeit von der Fischgröße
Zwei Untersuchungsjahrehohe lokale Prädation wurde 2022 und 2024 gemessen
PIT-Tags an Kolonienliefern einen belastbaren Nachweis gefressener markierter Fische
Atlantischer Dorsch schwimmt unter Wasser
Junge Dorsche standen im Mittelpunkt der Markierungsversuche. Abgebildet ist ein Atlantischer Dorsch im Ozeaneum Stralsund. Foto: Wilhelm Thomas Fiege / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Die Autorinnen und Autoren sprechen deshalb von einem möglichen Sterblichkeitsengpass im Lebenszyklus beider Fischarten. Zugleich ziehen sie eine klare Grenze: Um einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Kormoranprädation und der Größe ganzer Fischbestände festzustellen, braucht es weitere vergleichbare Untersuchungen und Populationsmodelle.

Was bedeutet das für Angler und Fischerei?

Die Studie verändert zunächst keine Fangregel. Die Freizeitfischerei auf Dorsch in der westlichen Ostsee ist seit 2024 geschlossen; für 2026 und 2027 empfiehlt der Internationale Rat für Meeresforschung Nullfänge. Der neue Befund erklärt aber, warum ein Bestandsaufbau nicht allein über weniger Fischerei diskutiert werden kann.

Das Thünen-Institut beschreibt den Westdorsch seit Jahren als Bestand in sehr schlechtem Zustand. Der Fischereidruck ist stark gesunken, während schwache Nachwuchsproduktion, warme Oberflächenbereiche, Sauerstoffmangel in tieferem Wasser und natürliche Sterblichkeit weiter zusammenwirken. Die Kormorandaten ergänzen dieses Bild um einen quantifizierten lokalen Faktor.

Was Angler jetzt mitnehmen sollten

  • Die Studie schafft keine neue Entnahmeregel: Maßgeblich bleiben EU-Vorgaben, Landesrecht und die jeweilige Gewässerordnung.

  • Prozentwerte nur mit Ort, Fischgröße und Untersuchungszeitraum weitergeben; „88 Prozent des Ostseedorsches“ wäre falsch.

  • In der Debatte um Kormoranmanagement auf bestandsbezogene Modelle und vergleichbare Messungen drängen, nicht auf Einzelzahlen allein.

  • Aktuelle Fang- und Schutzregeln vor jedem Küstentörn erneut prüfen.

Europäische Flunder liegt getarnt auf sandigem Grund
Bei Flundern war der gemessene Fraßdruck besonders stark von der Größenklasse abhängig. Foto: Holger Krisp / Wikimedia Commons (CC BY 4.0)

Hintergrund: Ein Konflikt braucht mehr als eine Zahl

Was jetzt besser belegt ist

Kormorane können in einem offenen Küstensystem einen hohen Anteil markierter junger Dorsche und Flundern erbeuten. Die PIT-Methode macht diesen lokalen Fraßdruck messbar.

Was weiterhin offen ist

Wie stark dieser Effekt die Bestände in der gesamten westlichen Ostsee verändert, lässt sich aus zwei Untersuchungsjahren allein nicht ableiten. Dafür fehlen räumliche Wiederholungen und Populationsmodelle.

Das ist für die politische Debatte entscheidend. Ein europäisches Kormoranmanagement muss Fischartenschutz, Fischerei und Vogelschutz zusammenführen. Die neue Arbeit liefert dafür wichtige Daten, ersetzt aber keine Gesamtbewertung des Ökosystems.

Häufige Fragen

Haben Kormorane 88 Prozent aller Dorsche in der westlichen Ostsee gefressen?

Nein. 88 Prozent waren der obere berechnete Wert für eine untersuchte Größenklasse markierter Jungdorsche in einem Küstengebiet. Der Gesamtbestand wurde nicht in dieser Höhe vermessen.

Was ist ein PIT-Tag?

Ein PIT-Tag ist ein kleiner passiver Transponder mit individueller Kennung. Wird ein markierter Fisch gefressen und der Tag später an einem Schlaf- oder Brutplatz gefunden, kann er dem Versuch zugeordnet werden.

Darf man 2026 in der westlichen Ostsee Dorsch entnehmen?

Die Freizeitfischerei auf Dorsch ist dort geschlossen. Unabhängig von dieser Studie gelten die jeweils aktuellen europäischen und nationalen Fischereiregeln; vor einer Ausfahrt sollten Angler die amtlichen Vorgaben prüfen.

Gewässer und Arten im Zusammenhang verstehen: Weitere aktuelle Einordnungen stehen in unseren Nachrichten. Wie schnell Fischbestände unter mehreren Stressoren leiden, zeigt der Bericht zum Fischsterben an der Agger und in Sachsen. Grundlagen zu Nahrungsketten und Lebensräumen erklärt unsere Einführung in die Ökologie; heimische Vogelgruppen ordnet die Vogelkunde für Jäger ein.

Quellen

Studie: Niels Jepsen, Mathis Olesen, Jørgen S. Mikkelsen und Markus V. Strange, „Cormorant predation on PIT-tagged cod and flounder in an open coastal system“, Fisheries Research 300 (2026), Artikel 107819, DOI 10.1016/j.fishres.2026.107819. Hintergrund zum Westdorsch: Thünen-Institut – KOMODO und ICES-Fangempfehlungen für die westliche Ostsee. Anlass der aktuellen Einordnung war die DAFV-Meldung vom 7. August 2026.

Teilen:WhatsAppFacebookX