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Riesenleberegel erstmals in Frankreich: Für Rehe tödlich, für Menschen harmlos – und in Nordbayern längst da

In der Sologne steckte der Große Amerikanische Leberegel in der Leber eines Damhirschs. In Nordostbayern breitet er sich seit 2009 aus, mancherorts mit hohen Befallsraten beim Rotwild.

LMLorena de MarcoGroßer Amerikanischer Leberegel, Fascioloides magna, Leberegel

Ein Plattwurm von rund fünf Zentimetern Länge, gefunden in der Leber eines Damhirschs: Damit ist der Große Amerikanische Leberegel, auch Riesenleberegel genannt, erstmals in Frankreich nachgewiesen. Für den Menschen ist er ungefährlich. Für Rehe kann schon ein schwacher Befall tödlich enden. Und was in Frankreich eine Premiere ist, kennen Jäger in Nordostbayern seit Jahren.

Ein Damhirsch aus der Sologne und eine Premiere

Entdeckt hat den Parasiten das Netzwerk SAGIR, das in Frankreich die Gesundheit der Wildtiere überwacht. Das Office français de la biodiversité (OFB), die staatliche Behörde für Biodiversität, machte den Fund Mitte Oktober 2026 öffentlich. Er stammt aus der Sologne, einer wald- und teichreichen Landschaft südlich von Orléans im Département Loir-et-Cher. Wissenschaftlich heißt der Wurm Fascioloides magna. Erste, eilig angesetzte Untersuchungen deuten darauf hin, dass er unter den Hirschartigen der Region bereits fest Fuß gefasst hat. Wie er dorthin kam, ist unbekannt.

Seine Eier gelangen mit der Losung, also dem Kot, von Rot- und Damwild in die Umwelt. Auch Bäche und Gräben können sie weitertragen. Die französischen Wildtierärzte bauen nun ihre Diagnostik aus, um zu klären, wie weit der Egel in der Sologne verbreitet ist.

Teich bei Montrieux-en-Sologne: Die Landschaft ist reich an Stillgewässern. Feuchte Ufer wie diese sind der Lebensraum der Schlammschnecken, die der Leberegel als Zwischenwirt braucht. Foto: Chbo91 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Warum der Egel ohne Teich und Schnecke nicht weiterkommt

Der Große Amerikanische Leberegel ist ein Saugwurm mit zwei Wirten; die Biologie haben die Wildbiologen der Technischen Universität München (TUM) zusammengetragen. Man kann sich seinen Kreislauf wie einen Staffellauf vorstellen, bei dem das Wasser die Übergabezone ist.

  1. Aus dem Ei in die Schnecke: Aus den Eiern schlüpfen im Wasser Larven. Sie müssen binnen ein bis zwei Tagen eine Zwergschlammschnecke (Galba truncatula) finden, eine kleine Wasserschnecke feuchter Wiesen und Ufer. In ihr vermehren sie sich: Aus einer Larve werden 300 bis 600 neue.

  2. Aus der Schnecke ans Gras: Diese Stadien verlassen die Schnecke und setzen sich als Dauerform an Pflanzen fest.

  3. Vom Gras in die Leber: Äst ein Stück Wild dort, wandern die jungen Egel vom Darm durch die Bauchhöhle in die Leber. Bis zum geschlechtsreifen Wurm vergehen rund 31 Wochen. Ein einzelner Egel scheidet dann 10.000 bis 20.000 Eier am Tag aus.

Wie effizient das System ist, zeigen Untersuchungen aus den Donauauen bei Wien: Dort reichte es, wenn 0,03 bis 0,2 Prozent der Schnecken infiziert waren, damit 20 bis 100 Prozent des Rotwilds befallen waren. Die Schnecken zu bekämpfen, um das Wild zu schützen, gilt deshalb als zwecklos.

Ausgewachsen wird der Wurm laut Bayerischem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) bis zu zehn Zentimeter lang und drei bis vier Zentimeter breit. Er ist damit etwa doppelt so groß wie der heimische Große Leberegel (Fasciola hepatica), der bei Haus- und Wildwiederkäuern verbreitet ist.

Warum das Reh stirbt und der Rothirsch meist nicht

Entscheidend ist, wie der Wirt auf den Wurm reagiert. Das LGL unterscheidet drei Gruppen:

RolleWildarten und NutztiereWas in der Leber passiertFolge
Endwirt (gut angepasst)Rotwild, DamwildEgel werden in Kapseln eingeschlossen, Eier gelangen über die Gallengänge nach außenSelten Symptome, aber Hauptverbreiter
NebenwirtSikawild, Schwarzwild, Rind, PferdKapseln entstehen, kaum EiausscheidungGeringe Rolle bei der Ausbreitung
Irrwirt (Fehlwirt)Rehwild, Gams, Muffelwild, Schaf, ZiegeKeine Abkapselung, junge Egel wandern ungehemmtSchon wenige Egel führen meist zu schwerer Erkrankung und Tod

Das Reh ist also ein Fehlwirt: Der Parasit kann sich in ihm nicht vermehren, zerstört aber auf seiner Wanderung Leber und andere Organe. Hauptverbreiter ist das Rot- und Damwild, das selbst oft symptomfrei bleibt. Das OFB nennt für befallene Hirschartige geringere Gewichtszunahme, schwächere Geweihe und eine gestörte Brunft.

Äsender Rothirsch: Rot- und Damwild nehmen die Dauerstadien des Egels mit der Äsung auf, tragen ihn als angepasste Wirte meist ohne sichtbare Krankheitszeichen und scheiden über Jahre Eier aus. Foto: Diana Parkhouse / Unsplash+ License

Seit 2009 auf dem Weg durch Nordostbayern

Nach Europa kam der Egel mit lebenden Hirschen aus Nordamerika. Die Stationen lassen sich gut nachzeichnen:

JahrStation
1865Mit Wapitis in ein Gatter bei Turin (Norditalien) eingeschleppt
um 1910Mit Weißwedelhirschen und Wapitis nach Böhmen und Mähren gebracht
ab 2000Nachweise in Österreich und Kroatien
seit 2009Vermehrt in Nordostbayern, mit wanderndem Wild aus Tschechien
2015Befall bei Gatterrotwild nahe Flossenbürg (Oberpfalz) beschrieben
2017Hochgradiger Befall bei drei Stück Rotwild aus einem Forst in Oberfranken
2026Erster Nachweis in Frankreich (Sologne, Damwild)

Tschechien gilt als Quellgebiet, von dem aus sich der Parasit vor allem nach Deutschland und Polen ausbreitet. Wie stark einzelne Reviere betroffen sind, schwankt erheblich: Das LGL fand in einer Studie in ausgewählten Regionen Bayerns eine Vorkommenshäufigkeit von bis zu 16,4 Prozent. Die Münchner Forschungsergebnisse deuten auf einzelne Gebiete in Nordbayern hin, in denen über 80 Prozent des Rotwilds befallen sind. Seit 2019 untersucht die TUM-Arbeitsgruppe den Parasiten im Grenzgebiet zwischen Oberpfalz und Oberfranken.

Dass wanderndes Rotwild den Egel mitnimmt, zeigt der Weg aus Tschechien nach Bayern. Korridore wie der Rotwild-Wanderkorridor zwischen Bayern und Thüringen verbinden Bestände und damit potenziell auch deren Parasiten. Welche Rolle das für die weitere Ausbreitung spielt, ist bisher nicht untersucht.

Keine Gefahr für den Menschen, aber ein Befund beim Aufbrechen

Für den Menschen gibt der französische Befund Entwarnung: Anders als andere Leberegel wird Fascioloides magna nicht auf den Menschen übertragen. In Frankreich zählt er auch nicht zu den gesetzlich geregelten Tierkrankheiten. In Bayern läuft derzeit kein Monitoring.

Erkennbar ist der Befall beim Aufbrechen an der Leber. Typisch sind schwarz pigmentierte Bohrgänge, teils mit dunkler, schmieriger Flüssigkeit gefüllt, dazu dünnwandige Zysten. Bei starkem Befall ist die Leber von unregelmäßigen schwärzlichen Herden durchsetzt. Wer Wild in Verkehr bringt, muss beim Aufbrechen auf bedenkliche Merkmale achten. Dazu zählen nach dem Leitfaden des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) auch Veränderungen innerer Organe und Parasitenbefall. Solche Befunde gehören dokumentiert.

Leberegel-Verdacht beim Aufbrechen

  • Leber von Rot-, Dam- und Rehwild beim Aufbrechen gezielt ansehen und anschneiden, besonders in feuchten Revieren mit Teichen, Gräben und nassen Wiesen.

  • Schwarze Bohrgänge, Zysten oder große blattförmige Würmer in den Aufzeichnungen zum Stück festhalten.

  • Eine befallene Leber nicht verwerten. Ob der Wildkörper verwertbar ist, hängt vom Gesamtbefund ab, etwa Abmagerung; im Zweifel das Stück zur amtlichen Fleischuntersuchung geben.

  • Bei Fallwild-Rehen ohne erkennbare Todesursache an Leberegel denken und das zuständige Veterinäramt einschalten.

  • In Bayern können gezielte Proben aus betroffenen Gebieten an das LGL gehen; Kontakt über das Veterinäramt.

Im Revier selbst sind die Möglichkeiten begrenzt. Freilebendes Wild lässt sich aus arzneimittelrechtlichen Gründen nicht behandeln. Empfohlen wird, Futterplätze möglichst trocken zu halten und nur Heu zu verfüttern, das mindestens sechs Monate gelagert wurde. Gatterbetriebe sollten zugekaufte Tiere parasitologisch untersuchen und behandeln lassen.

Was in der Sologne und bei uns noch offen ist

Mehrere Fragen lassen sich derzeit nicht beantworten. Wie der Egel nach Frankreich kam und wie lange er dort schon unbemerkt lebt, ist offen. Unklar ist auch, warum das OFB das Damwild zu den am stärksten geschädigten Arten zählt, während das LGL Damwild als gut angepassten Wirt mit seltenen Symptomen einstuft. Möglich sind regionale Unterschiede oder ein unterschiedlicher Befallsgrad. Belastbare Zahlen dazu liegen für Frankreich noch nicht vor.

Für Deutschland fehlt ein flächendeckendes Bild. Wie weit der Egel über Oberpfalz und Oberfranken hinaus verbreitet ist, lässt sich ohne Monitoring nur aus Einzelbefunden ablesen. Für die französische Sologne ist der nächste Schritt angekündigt: Die Untersuchungen sollen zeigen, wie weit der Parasit dort bereits verbreitet ist.

Leberegel in der Jägerprüfung: Innenparasiten, Wirtswechsel und bedenkliche Merkmale beim Aufbrechen sind Prüfungsstoff im Fach Wildkrankheiten und Wildbrethygiene. Die Grundlagen findest du in der Einführung in Wildkrankheiten und im Beitrag zur Wildbrethygiene vom Schuss bis zur Kühlkette; üben kannst du das Thema in der Jagdkompass-App mit Prüfungsfragen für dein Bundesland. Weitere Meldungen gibt es unter Wild & Natur.

Quelle

Stand: 28.10.2026

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