In einem Zufluss der Oder blüht wieder die Goldalge Prymnesium parvum – dort, wo 2022 die Oder-Katastrophe begann. Über vier Tonnen tote Fische sind bereits aus dem Gleiwitzer Kanal geborgen, zwei Schleusen stehen still. Für Anglerinnen und Angler an der deutschen Oder ist das noch keine Sperrung, aber der Moment, in dem Beobachten und Melden zählt.
41 Kilometer Kanal, zwei stillgelegte Schleusen
Betroffen ist der Gleiwitzer Kanal in Oberschlesien, eine 1939 in Betrieb genommene, 41 Kilometer lange Wasserstraße zwischen Gliwice und der Oder. Nach Angaben der örtlichen Wasserbehörde, die die Nachrichtenagenturen APA und dpa verbreitet haben, bleibt das Fischsterben bislang auf einen Abschnitt begrenzt. Einsatzkräfte patrouillieren zu Wasser und an Land und holen die verendeten Fische heraus.
Zwei Schleusen wurden bis auf Weiteres außer Betrieb genommen, damit die Alge nicht in weitere Kanalabschnitte gelangt. Gelingt das nicht, erwägt die Behörde, kontrolliert Wasserstoffperoxid einzuleiten – es zerstört die Zellen der Alge. Dasselbe Mittel kam im Sommer 2024 zum Einsatz, als im selben Kanal schon einmal große Mengen toter Fische geborgen wurden.
Warum 77 Zentimeter die eigentliche Zündschnur sind
Die Goldalge ist eine Brackwasserart. Massenhaft vermehrt sie sich erst, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: hoher Salzgehalt, eingeleitetes Abwasser, Hitze – und wenig Wasser im Fluss. Genau diese Kombination liegt gerade vor. Am Pegel Frankfurt (Oder) fiel der Wasserstand am 19. August 2026 auf 77 Zentimeter und damit auf den niedrigsten je gemessenen Wert; der bisherige Rekord stammte vom 31. August 2015.
| Wert am Pegel Frankfurt (Oder) | Wasserstand |
| Rekordtief 19. August 2026 | 77 cm |
| Aktuell (24. August 2026, früher Morgen) | 85 cm |
| Mittlerer Niedrigwasserstand | 133 cm |
| Mittelwasser | 237 cm |
Der aktuelle Wert stammt aus der Messstelle des Bundes bei PEGELONLINE; die Rekord- und Vergleichswerte hat der Tagesspiegel berichtet. Wenig Wasser heißt: Salze und Nährstoffe werden kaum verdünnt, der Fluss erwärmt sich schneller. Das ist die Ausgangslage, in der sich die Alge 2022 durchsetzen konnte.
Was Brandenburgs Warnstufen auslösen
Aus 2022 ist ein dreistufiges Warnsystem entstanden, das für die Oder-Landkreise, die Stadt Frankfurt (Oder) und das Landesamt für Umwelt gilt. Ausgewertet werden die automatischen Messstationen Frankfurt (Oder) und Hohenwutzen sowie drei Daphnientoximeter – Behälter mit Wasserflöhen, deren Schwimmverhalten sich ändert, sobald Gift im Wasser ist. Wasserflöhe reagieren wie Fische, Muscheln und Schnecken auf das Prymnesin der Alge, das die Kiemen zerstört.
| Warnstufe | Chlorophyll (Tagesmaximum) | pH-Wert (Tagesminimum) | Folge |
| 1 – Anzeichen einer Blüte | über 64 µg/l | 8,23 bis 8,45 | Landesamt verschärft die Auswertung, informiert das Ministerium |
| 2 – Verdacht auf Prymnesium parvum | über 128 µg/l | 8,45 bis 8,60 | Landkreise, Nationalpark und Wasserstraßenamt werden informiert; Empfehlung, Ausleitungen von Oderwasser zu stoppen |
| 3 – Blüte gilt als gesichert | über 256 µg/l | über 8,60 | Sofortmeldung bis zur internationalen Warnzentrale in Frankfurt (Oder), wasserrechtliche Maßnahmen |
Ab Stufe 2 zählt zusätzlich, ob sich der Nitratabbau beschleunigt; Stufe 3 setzt außerdem ein massenhaftes Sterben der Wasserflöhe voraus. Entwarnung gibt es erst, wenn der Chlorophyllwert wieder unter 64 Mikrogramm je Liter fällt.
Am Wasser jetzt konkret
Vor dem Ansitz die Lage prüfen: Das Landesamt für Umwelt veröffentlicht die Messwerte der Oder-Stationen laufend im Netz.
Auffälligkeiten sofort melden – tote oder apathisch an der Oberfläche stehende Fische, Muscheln und Schnecken gehören zur unteren Fischereibehörde und zum Fischereiberechtigten, nicht nur in die Vereinsgruppe.
Keine Fische aus einem Gewässer mit sichtbarem Sterben verwerten, solange die Ursache nicht geklärt ist.
Kein Oderwasser in Nebengewässer, Teiche oder Hälterungen überleiten.
Gerät, Kescher und Wathose nach dem Ansitz trocknen – so verschleppt niemand Algenzellen in andere Gewässer.
Was noch offen ist
Eine Entwarnung für die Oder hat das brandenburgische Umweltministerium bislang nicht gegeben; eine Wiederholung von 2022 lasse sich nicht ausschließen. Ob die Alge diesmal flussabwärts wandert, ist offen – bisher gibt es keine Meldung über Prymnesium-Funde im deutschen Abschnitt. Auch ob Wasserstoffperoxid eingesetzt wird, hat die polnische Wasserbehörde noch nicht entschieden.
Wie stark Niedrigwasser die Lage an einem Fluss verändert, zeigt sich derzeit nicht nur an der Oder: Auch am Rheinpegel Düsseldorf und an den Gewässern in Baden-Württemberg hängt gerade viel an wenigen Zentimetern. Wie schnell aus Hitze und Sauerstoffmangel ein Fischsterben wird, war zuletzt in Sachsen zu sehen. Weitere Meldungen zu Gewässern und Fischerei sammelt unsere Rubrik Angeln.
Gewässerlage, Schonzeiten, Prüfungswissen: In der Jagdkompass-App lernst du die Zusammenhänge zwischen Gewässergüte, Fischsterben und rechtlichen Pflichten so, wie sie in der Prüfung abgefragt werden.
Quelle
Meldung zum Fischsterben im Gleiwitzer Kanal: Salzburger Nachrichten (APA/dpa), 23. August 2026. Warnsystem, Messstationen und Daphnientoximeter: Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz des Landes Brandenburg – Situation an der Oder. Aktueller Wasserstand: PEGELONLINE der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes. Rekordtiefstand und Vergleichswerte: Tagesspiegel.